05.11.2013

Salzburg 1938 / 2013 : Zeichen gegen Vergessen und für Zivilcourage

75 Jahre nach der Salzburger Nazi-Bücherverbrennung, am 30. April, setzte...

Salzburger Bücherverbrennung 1938 : heute

Zeichen gegen Vergessen und Intoleranz, für Mitsprache und Zivilcourage

Seit 2011/ 2012 erinnern an die Salzburger Bücherverbrennung am Residenzplatz 1938 eine Gedenktafel (an der St. Michaels-Kirche) und ein Mahnmal von Zoltan Pap (Innenhof der Universitätsfachbibliothek Unipark Nonntal)
Initiative Freies Wort mit Kooperationspartnern: v.l.n.r. Martin Hochleitner (Direktor Salzburg Museum), Albert Lichtblau (Historiker und Publizist), Hanna Feingold (Präsidentin IKG), Tomas Friedmann (Intendant Literaturhaus Salzburg) und Karl Müller (Germanist und Publizist)
Rede, Musik, Spoken Word 2021

Initiative Freies Wort

„Das blutige Rot der Scheiterhaufen ist immergrün. Einen dieser Scheiterhaufen haben wir, mit bloßem Auge, bren­nen sehen. […] Ich hatte angesichts des Scheiterhaufens nicht aufgeschrien. Ich hatte nicht mit der Faust gedroht. Ich hatte sie nur in der Tasche geballt. Warum erzähle ich das? […] Weil, immer wenn von der Vergangenheit gespro­chen wird, auch von der Zukunft die Rede ist. […] Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird.“ Diese Sätze wurden von Erich Kästner anlässlich der 25. Wiederkehr der nazistischen Bücherverbrennungen des Jahres 1933 am 10. Mai 1958 bei der P.E.N.-Club-Tagung in Hamburg gesprochen.
 

Das Gedächtnis an die „Salzburger Bücherverbrennung“ vom 30. April 1938 auf dem Residenzplatz schien allerdings fast 50 Jahre lang wie gelöscht. So lange dauerte es, bis 1987 eine Initiative der Salzburger Autorengruppe erstmals an dieses ungeheuerliche Vorkommnis erinnerte. Erich Fried nahm damals in seiner aufrüttelnden Rede den Vandalenakt der Salzburger Bücherverbrennung zum Anlass, von Grundsätzlichem zu sprechen – von der Vernichtung des Buches als einem symbolischen Zeichen der Auslöschung von Geist, Freiheit und Emanzipation, also von einem aktuellen und virulenten Problem unserer Gegenwart. Denn wie ein roter Flammenschein zieht sich das lodernde Rot „immergrün“ durch die Geschichte und die Kulturen. Heinrich Heine hatte seine Verse, wonach das Verbrennen von Büchern nur das „Vorspiel“ des Verbrennens von Menschen sei, auf die Vernichtung der islamischen Kultur durch die spanischen Christen gemünzt. Unzählige brandaktuelle Beispiele könnten aufgezählt werden.
 

Es dauerte wieder ganze 20 Jahre, bis im Jahre 2007 der Salzburger Residenzplatz erneut zum Ort der Mahnung wurde: „Hier stehen wir und gedenken der Bücherverbrennung“ sagte Robert Schindel, „indes ununterbrochen in vielen Teilen der Welt Menschen verbrannt werden. Achten wir darauf, dass jene Symbolakte uns nicht und nie den Blick verstellen für die aktuellen Barbareien, die unter unseren Augen geschehen.“ Organisiert wurde dieses zweite Gedenken gemeinsam vom Zentrum für Jüdische Kulturgeschichte, Literaturhaus, Friedensbüro, Katholische Aktion, Israelitische Kultusgemeinde und www.erinnern.at.
 

2013 jährte sich zum 75. Mal die „Salzburger Bücherverbrennung 1938“. Die Salzburger Initiative „Das freie Wort“ - ins Leben gerufen von Albert Lichtblau (Historiker, Zentrum für Jüdsche Kulturgeschichte), Karl Müller (Germanist, Universität Salzburg), Ingeborg Haller (Juristin, Politikerin, Mitinitiatorin des Personenkomitees Stolpersteine) und Tomas Friedmann (Literaturhaus-Leiter und Vorsitzender des Dachverbands Salzburger Kulturstätten) - will Salzburg zu einem Ort machen, an dem kontinuierlich daran erinnert wird, dass Emanzipation, Fortschritt und Utopie sich nur in Freiheit entwickeln können. Zensur und alle Versuche, die Freiheit des Geistes, die Freiheit von Kunst, Kultur und Wissenschaft zu boykottieren, sollen aufgezeigt werden: „Wie kann man atmen ohne die Weltluft, die aus Büchern strömt?“ (Stefan Zweig)

2019 – genau ein Jahr nach Enthüllung des neuen Mahnmals "Buchskelett" von Fatemeh Nadiri und Florian Ziller am Rand des Residenzplatzes – hat die Initiative Freies Wort bei der Kulturabteilung der Stadt Salzburg Vorschläge zur Verbesserung der Sichtbarmachung und Kommunikation (Anbringung einer zweisprachigen Hinweistafel sowie QR-Code) deponiert. Und um ein Zeichen zu setzen wurde für 30. April um 19 Uhr eine Veranstaltung zur Bücherverbrennung organisiert. Im Salzburg Museum (Gandolph Bibliothek) diskutieren zum Thema "Zivilcourage gestern : heute" die Zeitzeugin Lucia Heilman und Heinz Patzelt, Generalsekretär von Amnesty International Österreich; moderiert wird das Gespräch von Ö1-Redakteurin Renata Schmidtkunz. Danach hält der Autor Ludwig Laher direkt beim Mahnmal eine kurze Rede zur Erinnerungskultur, vom Glockenspiel ist die Komposition "S‘brent" von Mordechaj Gebirtig zu hören – aufgegriffen wird die Melodie von der Geigerin Marie-Christine Klettner. Unterstützt wird diese Veranstaltung der Initiative mit dem Salzburg Museum von zahlreichen Insitutionen wie Stadt und Land Salzburg sowie der Universtität Salzburg -> Veranstaltung 2019


2020 musste die geplante Veranstaltung Corona-bedingt abgesagt werden.


2021 findet unter dem Titel "HALTUNG einst : jetzt" – wegen des bestehenden Covid-19-Veranstaltungsverbots mit Publikum – eine Live-Veranstaltung um 18 Uhr per Stream statt -> YouTube
Nach einer Rede des Schriftstellers Doron Rabinovici treten auf der Jedermann-Bühne im Innenhof des Salzburg Museums fünf engagierte Slam-Poet*innen auf: Yasmin Hafedh, Dalibor Markovic, Meral Ziegler, Tanasgol Sabbagh und Henrik Szanto. Musik kommt live vom Duo Georg Winkler & Hubert Kellerer. Außerdem wird die Komposition „S’brent“ des jüdisch-polnischen Dichters und Komponisten Mordechaj Gebirtig als Glockenspiel erklingen -> Veranstaltung 2021


Jahrelange Kooperationspartner waren bzw. sind u.a. die Israeltische Kultusgemeinde Salzburg, die Salzburger Autorengruppe, Plattform für Menschenrechte Salzburg, Friedensbüro Salzburg, Komitee Stolpersteine, KZ-Verband Salzburg, Literaturhaus Salzburg, Salzburg Museum, Zweig Centre, Zentrum für Jüdische Kulturgeschichte, die Katholische Aktion, Verein erinnern.at

 

Hier der Radio-Beitrag 1987 zur ersten Veranstaltung der Salzburger Autorengruppe anlässlich Salzburger Bücherverbrennung mit ERICH FRIED:


-> zum Download